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Im Ibis Blog beschäftigen wir uns mit gesellschaftlichen Veränderungen, Phänomenen und Ideen: vom Themenbeitrag, über einen Einblick in unsere Projekte, bis hin zu Rezensionen.

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10.07.2026

Autorin: Patricia Jessen

Vielfalt scheint ein schwieriger Begriff zu sein. Vielfalt scheint für weite Teile der bundesdeutschen Gesellschaft sogar kaum erträglich zu sein. Dabei ist es ein Fakt: unsere Gesellschaft ist 2026 zutiefst von Vielfalt oder auch Diversität geprägt.

Die Bundesrepublik befindet sich in einem Dilemma — allzu viele Menschen halten verbissen daran fest, die Diversität der Gesellschaft nicht zu wollen und das Rad in eine vermeintlich homogenere, schönere Zeit zurückdrehen zu wollen. Eine fast schon mystische Zeit des Wohlstands und Wohlbehagens.

Gleichzeitig lässt sich das Rad nicht zurückdrehen, Vielfalt wird eher weiter evolvieren, auch in Bereichen, an die 2026 niemand denkt.

In diesem Dilemma richtet sich Abwehr jedoch nicht nur gegen Vielfalt, sondern eng damit verknüpft gegen Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Die Idee eines starken Führers, einer übermächtigen Partei, dichter Grenzen (auch im Denken) gewinnt an Einfluss. Dabei blühen dann auch die Extremismen, die sich sowohl gegen die Demokratie und den Rechtsstaat als auch gegen die Vielfalt richten.  


Ein Förderprogramm im Fokus der neuen Rechten

Mit dem Förderprogramm der Bundesregierung „Demokratie leben!“ wurde das wichtige Zusammenspiel von Demokratieförderung, Extremismusprävention und Vielfalt zur Gestaltung einer gerechten, offenen und lebenswerten Gesellschaft für alle 2014 erkannt. Förderziel liegt in den drei Handlungsfeldern "Demokratieförderung", "Vielfaltgestaltung" und "Extremismusprävention".Das  Programm zielt ebenso auf die Bundes- als auch kommunale Ebene.

Die Anliegen des Programms geraten zunehmen in den Blick der neuen Rechten, deren Ziel eine Erneuerung des Rechtskonservativen bis Rechtsextremen ist. Als wichtige Sprachrohre sind hier Publikationen wie die „Junge Freiheit“, „Apollo News“, „Tichy Einblick“ oder auch „Nius“ und „Compact“ zu benennen, mit unterschiedlicher Reichweite, Zielgruppe sowie unterschiedlich extrem im Ton. Ein besonderes Anliegen all dieser Medien: Skandale rund um das Programm generieren (z.B. hier, hier oder hier). 

Auch die Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD) ist besonders kritisch gegenüber „Demokratie leben!“ aufgestellt. In zahlreichen Posts in sozialen Medien, Interviews, Podcasts und Talkshows äußern sich Funktionär*innen und ihre Anhänger*innen negativ (z.B. hier, hier und hier. Reden im deutschen Bundestag und entsprechende Anfragen der Fraktion haben ebenfalls diese Stoßrichtung, bis hin zu aktuellen Forderung, das Programm einzustellen (z.B. hier und hier).

Hervor sticht die Resolution „Linksterrorismus bekämpfen. Bürger, Demokratie und Infrastruktur endlich wirksam schützen“ der innenpolitischen Sprecher der AfD-Fraktionen aus dem Europäischen Parlament, dem Deutschen Bundestag und den Landtagen, die eindeutig Stellung bezieht. Unter Punkt III.6 „Trockenlegung des staatlich alimentierten Vorfelds“ wird gefordert: „Programme wie „Demokratie Leben“ sind grundlegend zu reformieren oder einzustellen.“ Denn es stünde zur Frage „ob aus öffentlichen Mitteln finanzierte Projekte, NGOs, kirchliche Träger und Bildungseinrichtungen linksextremistische Strukturen ideologisch oder materiell unterstützen.“ 

Dies bedeutet, dass der eigentliche Auftrag des Programms, „Demokratieförderung", "Vielfaltgestaltung" und „Extremismusprävention“, in ein Vorhaben umgedeutet wird, „linksextremistische“ Strukturen zu fördern. Dahinter steht der Anspruch der vom Verfassungsschutz beobachteten Partei, sich als eigentlichen Garant liberaler und demokratischer Freiheit darzustellen. Jede*r der der Linie der AfD nicht folgt und sich im Sinne des Bundesprogramms engagiert, ist aus Sicht der Partei und ihrer Anhänger*innen links bis linksextrem und damit angreifbar und anzugreifen.

Die Folgen zeigen sich in einer AfD-internen Kampagne die sich konkret und vor Ort gegen das  Programm Demokratie leben! richten soll. Mit dem „Leitfaden zum Umgang mit dem Bundesprogramm Demokratie leben! Jetzt ist die Gelegenheit, den Sumpf auszutrocknen“ richtet sich AfD-Fraktion im Stadtrat Bitterfeld-Wolfen ausdrücklich bundesweit an alle kommunalen AfD-Fraktionen. Man habe nun die Gelegenheit, den „Sumpf auszutrocknen“ und dem „ineffizient und politisch einseitig“ ausgerichteten Bundesprogramm das „mit erheblichen Steuermitteln Meinungs- und Bildungsprozesse“ beeinflusse, ein Ende zu bereiten. Damit könne man den (angeblich übermäßig vom Programm profitierenden) „NGOs“ (ein ebenso schwammiger wie beliebter Begriff aus dem AfD-Umfeld, der auch in der oben benannten Resolution eine Rolle spielt) den Geldhahn zudrehen. 

Starten könne jede AfD-Fraktion in Kommunen mit einer Partnerschaft für Demokratie, die sich für Demokratieförderung, Extremismusprävention und die Unterstützung einer vielfältigen Gesellschaft einsetzt. Dafür gibt der Leitfaden aus Bitterfeld auch ganz konkrete Tips, so z.B. die externe begleitenden Fachstelle zu ermitteln mit Fokus, wo der Trägerverein der Fachstelle politisch stehe. Darüber hinaus solle herausgefunden werden, wer als Person in der Fachstelle angestellt sei, ergänzt um den Hinweis: „Häufig handelt es sich um dieselben (linken oder grünen) Personen, die „in ihrer Freizeit" sogenannte Bündnisse gegen Rechts und die AfD organisieren“. Auch die begleitenden Gremien sollten genau beobachtet werden. Wer sei dort Mitglied, und nach welchen Kriterien durch wen berufen? Es solle nachgefragt werden, warum diese nicht vom Stadtrat bzw. Kreistag gewählte Gremien über ein Budget verfügen können.

Der „Leitfaden“ entwirft damit nicht nur ein Szenario vermeintlicher Intransparenz, obwohl die meisten dieser „investigativen“ Fragen mit einem Blick auf die jeweilige Website oder Social Media-Präsenz der örtlichen Partnerschaft geklärt werden könnten. Vielmehr werden Fachkräfte und in Gremien engagierte Bürger*innen als Privatpersonen in den Blick genommen.


Der „Stolzmonat“ als Abgrenzung und Selbstinzenierung

Ein weiteres Beispiel wie aus dem Umfeld der neuen Rechten gezielt gegen Vielfalt und demokratische bzw. Menschenrechte vorgegangen wird, ist die breit aufgelegte Kampagne des „Stolzmonats“. Diese richtet sich besonders gegen queere Menschen als Teil einer vielfältigen Gesellschaft und ihre Unterstützer*innen. Im Zentrum steht als Symbol eine veränderte Flagge der Bundesrepublik, die der Regenbogenflagge des Pride-Months entgegengesetzt wird. 

Dabei gründet der seit 2023 gefeierte „Stolzmonat“ laut Bundesverfassungsschutz in der extremen Rechten, die damit ein „rassistisches und nationalistisches Weltbild“ transportieren möchte (https://www.verfassungsschutz.de/SharedDocs/hintergruende/DE/rechtsextremismus/queerfeindlichkeit-im-rechtsextremismus.html). Im Fokus stehen Queerfeindlichkeit und Ablehnung von (geschlechtlicher) Vielfalt. Feindbilder von vermeintlich „queeren“ oder „linken“ Einzelpersonen werden konstruiert, die die Gesellschaft zersetzen wollen, z.B. durch eine angebliche „Frühsexualisierung“ von Kindern.

Insbesondere die Identitäre Bewegung um den Österreicher Martin Sellner war und ist bezüglich des „Stolzmonats“ Vorreiter. Gruppen wie das den Identitären nahestehende Frauenbündnis Lukreta (https://www.facebook.com/reel/1530970211775096) sind hier ebenso aktiv wie die bereits oben angesprochenen Medien aus dem Umfeld der neuen Rechten. So feiert das Compact Magazin den „Stolzmonat“ 2026 mit der Aussage, dieser hätte „das Internet erobert“ und sogar den „Pride Month verdrängt“ ( Compact-Video: Schwarz-Rot-Gold: Stolzmonat schlägt Pride Month!).

Die Herkunft und Stoßrichtung der Kampagne hält jedoch einen Großteil der AfD-Politiker*innen nicht davon ab, diese ebenfalls zu unterstützen. So werden beispielsweise Profile auf Social Media mit dem Slogan und der Flagge des „Stolzmonats“ versehen. 

Oft sind die Wege von Vorfeldorganisationen und Medien in die AfD dabei kurz — so ist die Vorsitzende der bereits erwähnten Frauengruppe Lukreta die Tochter der AfD Abgeordneten im EU-Parlament, Irmhild Boßdorf und arbeitet dort für einen anderen AfD-Abgeordneten (https://www.mbr-koeln.de/artikeltext/lukreta-gründerin-boßdorf-im-eu-parlament). Im oben vorgestellten Video von Compact darf, nach einer kurzen Anmoderation, die AfD-Lokalpolitikerin Gabrielle Mailbeck den „Stolzmonat“ erklären.


Quo vadis Vielfalt?

Umso wichtiger erscheint es, dass die Bundesregierung mit allen demokratischen Parteien gemeinsam Programme wie „Demokratie leben!“ weiter stärkt und die Akteur*innen vor Ort unterstützt. Gerade die Vereine und Bündnisse, die direkt vor Ort für Vielfalt, Demokratie und Extremismusprävention arbeiten sind von der Unterstützung, auch, aber nicht nur, der finanziellen Unterstützung, im hohen Maße abhängig. Größere, bundesweit agierende Träger mögen finanziell in Teilen anders abgesichert sein — die kleinen Vereine und Bündnisse haben für ihre immer wichtigeren Aktivitäten keine Absicherung. Reines Ehrenamt vor Ort wird aber nicht ausreichen, um die wichtigen Aktionen, Treffen, Projekte und Arbeit durchzuführen, die bislang mit der bundesweiten Förderung für Vielfalt geleistet werden.

Die Äußerungen der jetzigen Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Karin Prien, lassen ahnen, dass dies auf Bundesebene anders gesehen wird. Am 25.03.2026 erklärte sie im Rahmen eines TAZ-Interviews, dass Vielfalt aus ihrer Sicht kein staatliches Förderziel sei (https://taz.de/Familienministerin-Karin-Prien-Vielfalt-sehe-ich-nicht-als-staatliches-Foerderziel/!6165687/). Der bisherige Dreiklang „"Demokratie fördern. Vielfalt gestalten. Extremismus vorbeugen“ wird auf „Demokratieförderung und Extremismusprävention“ zusammengestrichen. In einer internen Sitzung ließ die im Ministerium für das Bundesprogramm Verantwortliche verlauten, dass Vielfalt als erklärtes Ziel gestrichen werde, da sich niemand darunter etwas vorstellen könne. Was solle das denn heißen, Vielfalt.

Vielfalt scheint eben ein schwieriger Begriff zu sein. 

10.07.2026

Autorin: Patricia Jessen

Neuausrichtung des Ibis Instituts

In der Bundesrepublik Deutschland ist in den letzten Jahrzehnten eine zunehmend heterogenere Gesellschaft entstanden, in der zahlreiche Transformationsprozesse gleichzeitig ablaufen.


Wie kann Zusammenleben und Teilhabe gelingen? Wie umgehen mit Vorurteilen und Ängsten, im öffentlichen Raum, auch mit Blick auf Sicherheit und Sicherheitsempfinden (siehe Artikel „Sicherheit und Kriminalprävention in von Vielfalt geprägten Stadträumen gestalten“)? Wie kann Ausgrenzung, Demokratieskepsis und Spaltung entgegengewirkt werden? Wie können Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen sowie Unternehmen dabei steuern, unterstützen und gestalten?


Diese Fragen begegnen uns als Ibis Team in den letzten Jahren zunehmend Fachbereichsübergreifend. Rund um die Gestaltung von Zusammenleben, demografischen Wandel und Stadtentwicklungsprozessen haben wir deswegen in den unterschiedlichsten Kontexten mit Kooperationspartner*innen und Kund*innen deutschlandweit Ansätze und Ideen am Übergang von Wissenschaft und Praxis entwickelt und erprobt.


2026 haben wir uns auf Basis dieses Fachwissens dazu entschlossen, unser Institut offiziell neu auszurichten. Künftig wird unser Fokus insgesamt auf dem Gestalten der Transformationsprozesse von Zusammenleben und Teilhabe liegen — von Vielfalts- oder Integrationskonzepten über Ansätze der ganzheitlichen Stadtentwicklung, Quartiersmanagements im Ankunftsstadtteil, Präventionsstudien und Monitoringsysteme (z.B. zu den Themen Kriminalprävention und Sicherheit) bis hin zu Coachings oder Moderationen von Bürgerbeteiligungsformaten. 


Der neue, erweiterte Ansatz spiegelt sich auch auf unserer neu gestalteten Website. In den Arbeitsbereichen

- Analysen, Strategien und Konzepte

- Quartiersmanagement und Projektarbeit

- Coaching und interdisziplinäre Beratung

- Moderationen und innovative Bürgerbeteiligung

- Controlling, Evaluation und Monitoringerstellung

- Seminare und Vorträge 

stellen wir sowohl neue wie bewährte Angebote vor. 


Für Rückfragen stehen wir Ihnen gerne persönlich unter patricia.jessen@ibis-institut.de und mareike.schmidt@ibis-institut.de zur Verfügung. Wir freuen uns, mit Ihnen in den Dialog zu treten!

22.05.2026

Autor: Frank Jessen

Sicherheit und Kriminalprävention in von Vielfalt geprägten Stadträumen gestalten 

- ein diversitätssensibler Ansatz am Übergang von Wissenschaft und Praxis


In den letzten Monaten hat das Thema der Sicherheit im Zusammenleben zunehmend an Dynamik gewonnen - wie gestalten wir Stadtteile und kommunale Räume so, dass alle Bewohner*innen sicher sind und sich sicher fühlen? Wie können die Perspektiven und Bedarfe aller im Stadtteil/der Stadt Lebenden einbezogen sowie mit faktischen Entwicklungen und der Analyse von Fachkräften in Einklang gebracht werden — abseits populistischer Forderungen und Hetze?


Gemeinsam mit drei Großstädten in Nordrhein-Westfalen hat das Ibis Institut einen diversitätssensiblen Ansatz entwickelt und erprobt, der an der Schnittstelle von Wissenschaft und Praxis verortet ist. 


Wir verbinden Elemente der empirischen Sozialforschung in Erhebungsprozessen zur subjektiven und objektiven Sicherheit mit Fach-Audits (z.B. zur städtebaulichen Situation und kriminalpräventiven Ansätzen) und breit angelegten Bürgerdialogen. 

Ziel ist, die Basis für eine kooperative, diversitätssensible Sicherheitsproduktion in der Stadtgesellschaft zu legen. 


Hierfür kommen zunächst sowohl die Menschen vor Ort wie die Fachleute — z.B. aus dem Bereich der präventiven sozialen Arbeit, Sicherheit und Ordnung und aus der Verwaltung — zu Wort, um eine ganzheitliche, die gesellschaftliche Vielfalt und deren Bedarfe berücksichtigende Situationsanalyse zu erstellen. Darauf aufbauend werden gemeinsam Ziele und Maßnahmen zur Verbesserung der Situation definiert und eine „Road-Map“ für deren Implementierung erarbeitet - von sozial- und kriminalpräventiven Ansätzen über städtebauliche Aspekte bis hin zu Interventionsmaßnahmen im Bereich Sicherheit und Ordnung. In der anschließenden Implementierungsphase werden die Ergebnisse der Situationsanalyse und die Maßnahmen der „Road-Map“ in die Strukturen der Stadtverwaltung und Stadtgesellschaft implementiert und eine Strategie für die Öffentlichkeitsarbeit zur kooperativen Sicherheitsproduktion entwickelt.


Der Gesamtprozess fungiert als lernendes System für Stadtverwaltungen im engeren und die Stadtgesellschaft im weiteren Sinne. Er wird über den gesamten Zeitraum kriminalpräventiv auditiert und dialogisch begleitet.


Für Rückfragen stehen wir Ihnen gerne persönlich unter frank.jessen@ibis-institut.de zur Verfügung.

21.05.2026

Autorin: Mareike Schmidt

Ist die Zeit der Integrationskonzepte vorbei?


Kommunale Integrationsarbeit unter Druck

In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben viele Kommunen Integrationskonzepte entwickelt, um Zugewanderte und Schutzsuchende besser in Bildung, Arbeitsmarkt und gesellschaftliche Teilhabe einzubinden. In vielen Städten und Landkreisen wurden entsprechende Strategien verabschiedet und teilweise mehrfach fortgeschrieben.


In den letzten Jahren hat sich jedoch eine fachliche Debatte darüber entwickelt, wie zeitgemäß solche Konzepte und der ihnen zugrunde liegende Integrationsbegriff noch sind. Migration ist heute ein Normalzustand moderner Gesellschaften und die gesellschaftliche Realität ist weit über die bloße Frage der Zuwanderung von Heterogenität geprägt.


Während Integrationsarbeit insbesondere im Zuge der Zuwanderung von Geflüchteten seit 2015/2016 vielerorts ausgebaut und gezielt weiterentwickelt wurde, stehen kommunale Haushalte seit einigen Jahren zunehmend unter Druck. Dadurch geraten freiwillige Aufgaben rund um Integration, Diversität und gesellschaftlichen Zusammenhalt schneller zur Disposition. Davon betroffen sind nicht nur strategische Konzepte, sondern auch entsprechende Stellen, Projekte und Unterstützungsstrukturen vor Ort. In zahlreichen Kommunen sind zusätzliche Maßnahmen in diesen Bereichen nur noch im Rahmen externer, zeitlich begrenzter Förderprogramme umsetzbar – und damit strukturell nicht dauerhaft abgesichert, selbst dann, wenn vor Ort langfristig Bedarfe vorhanden sind. 


Hinzu kommt, dass die Notwendigkeit entsprechender Strategien in diesem Themenfeld politisch nicht überall selbstverständlich gesehen wird. Die Gestaltung von Integration und Zusammenleben wird häufig als zusätzliche Aufgabe wahrgenommen, für die angesichts knapper Haushalte vielerorts immer weniger Ressourcen bereitgestellt werden. Politische Mehrheiten für die Entwicklung oder Fortschreibung von Konzepten sind unter diesen Rahmenbedingungen schwerer zu erreichen.


Zudem hat sich auch der politische und gesamtgesellschaftliche Diskurs über Migration, Integration und Vielfalt im Laufe der letzten Jahre stark verändert. Rechtspopulistische Parteien haben an Einfluss gewonnen, Zuwanderung, auch aus Fluchtgründen, wird zunehmend problematisiert und Vielfalt stößt in Teilen der Gesellschaft auf Ablehnung. In diesem Zusammenhang werden entsprechende Maßnahmen und Ausgaben immer häufiger kritisch hinterfragt und nicht selten im Kontext allgemeiner Verteilungskonflikte diskutiert.


Angesichts dieser Entwicklungen drängt sich die Frage auf, ob Integrationskonzepte überhaupt noch zeitgemäß sind, oder es andere Ansätze braucht?


Herausforderungen für das Zusammenleben werden komplexer

Kommunen sind die Orte, an denen gesellschaftliche Veränderungen unmittelbar sichtbar und spürbar werden. Viele Städte und Gemeinden sehen sich mit multiplen, verwaltungsressortsübergreifenden Herausforderungen konfrontiert, die das lokale Zusammenleben in all seiner Heterogenität betreffen. Vielerorts prägen wachsende soziale Ungleichheit, unterschiedliche Lebensrealitäten innerhalb von Städten und Quartieren sowie ein Nebeneinander verschiedener Bevölkerungsgruppen das lokale Zusammenleben. Begegnungen zwischen unterschiedlichen sozialen und kulturellen Milieus finden dabei nicht immer selbstverständlich statt. Dadurch können Unsicherheiten, Vorurteile und gegenseitiges Misstrauen entstehen oder sich verstärken: zwischen Personen mit und ohne Behinderungen oder Zuwanderungsgeschichte, zwischen sozio-ökonomisch unterschiedlich aufgestellten Menschen, Menschen verschiedenen Alters, sexueller oder politischer Orientierung.


Dies führt auch dazu, dass sich viele Bürger*innen in ihren Städten und Quartieren zunehmend unsicher fühlen. Oft wird das subjektive Sicherheitsgefühl meist weniger durch konkrete Erfahrungen vor Ort geprägt, als vielmehr durch öffentliche Debatten, mediale Berichterstattung und Inhalte in sozialen Medien.


Dies schlägt sich auch im rückgehenden Vertrauen in staatliche Institutionen und demokratische Prozesse nieder: Laut Ipsos Populist Report 2025 nehmen 77% der Menschen in Deutschland die Gesellschaft als gespalten wahr; 68% sind der Ansicht, dass sich das Land insgesamt negativ entwickelt und es wird von einem wachsenden Misstrauen gegenüber politischen Akteur*innen, und Institutionen berichtet. 


Strategische Ansätze neu denken

Die beschriebenen Entwicklungen zeigen: Einerseits besteht weiterhin ein hoher Bedarf an strategischen Ansätzen, um gesellschaftliche Teilhabe zu fördern und das Zusammenleben vor Ort zu gestalten. Andererseits wird es unter den aktuellen Rahmenbedingungen schwieriger, umfassende Konzepte politisch zu legitimieren, finanziell abzusichern und nachhaltig umzusetzen.


Vor diesem Hintergrund stellt sich für viele Kommunen weniger die Frage, ob strategisch gearbeitet werden soll, sondern wie. Aus der Praxis lassen sich derzeit zwei zentrale Entwicklungsrichtungen beobachten:


1. Fokus schärfen: 

Eine Möglichkeit besteht darin, die bestehenden Ansätze bewusst zu fokussieren und stärker auf die zentralen Stellschrauben gelingender Integration auszurichten. Viele Konzepte sind über die Jahre sehr umfangreich geworden: Sie umfassen zahlreiche Handlungsfelder, Ziele und Maßnahmen, ohne dass immer klar erkennbar ist, was tatsächlich priorisiert werden sollte. Vor diesem Hintergrund rückt stärker die Frage in den Mittelpunkt, welche Ansätze unter begrenzten Ressourcen tatsächlich wirksam und umsetzbar sind.


Im Kern geht es darum, zwischen grundlegenden Bausteinen und ergänzenden Maßnahmen zu unterscheiden und klare Prioritäten zu setzen. Ein solcher Ansatz kann dazu beitragen, die Integrationsarbeit klarer auszurichten, ihre Wirksamkeit zu erhöhen und sie zugleich gegenüber Politik und Öffentlichkeit besser zu begründen. Dadurch gelingt es, auch unter schwierigen Rahmenbedingungen handlungsfähig zu bleiben und Integration weiterhin aktiv zu gestalten. (vgl. Blogartikel zu Integrationskonzepten)


2. Integrationsarbeit weiterentwickeln:

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, den Fokus über klassische Integrationskonzepte hinaus zu erweitern und Fragen von Teilhabe, Vielfalt und Zusammenleben stärker in den Mittelpunkt zu rücken. Integration wird dabei nicht aufgegeben, sondern in einen breiteren gesellschaftlichen Kontext eingebettet. Einige Kommunen gehen diesen Weg bereits (vgl. Blogartikel zu Vielfaltskonzepten). Ein solcher Ansatz stößt häufig auf eine hohe Akzeptanz, da er stärker auf die gesamte Stadtgesellschaft ausgerichtet ist und das Leitbild verfolgt, dass alle am Zusammenleben teilhaben sollen – unabhängig von Aspekten wie Herkunft, körperlicher oder geistiger Verfassung oder sozioökonomischer Lage.


In jedem Fall führt ein gut erarbeitetes Konzept nicht automatisch zu „mehr Maßnahmen“, sondern unterstützt vielmehr dabei, vorhandene Aktivitäten zu bündeln und Ressourcen gezielt einzusetzen. Ein besonderer Mehrwert liegt zudem im Prozess selbst: Im moderierten Austausch der unterschiedlichen Akteur*innen aus Verwaltung, Politik und Zivilgesellschaft werden die spezifischen Herausforderungen und Bedarfe vor Ort gemeinsam analysiert, unterschiedliche Perspektiven sichtbar gemacht und mögliche Lösungsansätze diskutiert. Dadurch entstehen neue Kooperationen, Netzwerke und ein gemeinsames Verständnis für lokale Herausforderungen. Gerade diese gemeinsame Analyse- und Verständigungsphase bildet häufig eine zentrale Grundlage dafür, dass Strategien später auch tatsächlich getragen und umgesetzt werden.


Für Kommunen kann gerade die Fortschreibung oder Weiterentwicklung bestehender Konzepte eine Chance sein, aktuelle Herausforderungen neu zu bewerten, Prioritäten zu setzen, vorhandene Ressourcen zu bündeln und die Zusammenarbeit vor Ort weiter zu stärken.


Fazit: Brauchen Kommunen noch Integrationskonzepte?

Die Frage, ob Integrationskonzepte noch zeitgemäß sind, lässt sich nicht allein am Begriff festmachen. Fest steht: Die Herausforderungen für das Zusammenleben vor Ort werden komplexer, während die Handlungsspielräume vieler Kommunen kleiner werden. 


Gerade die Fortschreibung oder Weiterentwicklung bestehender Konzepte ist eine Chance, aktuelle Herausforderungen neu zu bewerten, Prioritäten zu setzen, vorhandene Ressourcen zu bündeln und die Zusammenarbeit vor Ort weiter zu stärken.


Entscheidend ist dabei weniger die Bezeichnung eines Konzepts als vielmehr die Frage, wie Kommunen tragfähige und realistische Ansätze entwickeln können, um das Zusammenleben in  einer von Heterogenität geprägten Gesellschaft zu gestalten und Teilhabe zu fördern. Die beiden skizzierten Wege bieten hierfür unterschiedliche Perspektiven.

Bild: Foto von Benjamin Thomas auf Unsplash

Oktober 2024

Autorin: Mareike Schmidt

Die Gestaltung von öffentlichen Räumen nimmt in der Stadtentwicklung eine zunehmend wichtige Rolle ein. Schließlich sind öffentliche Räume mehr als nur physische Orte. Als Schauplätze des sozialen Miteinanders wird Ihnen das Potenzial zugeschrieben, Kontakt und Austausch zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen und damit den sozialen Zusammenhalt zu fördern. Gerade in Quartieren mit einem hohem Migrationsanteil werden öffentliche Räume als wichtige Ressource für die Verbesserung des sozialen Miteinanders betrachtet…

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